2010: Prof. Dr. Hans-Jochen Gamm

Prof. Dr. Hans-Jochen Gamm

erhielt den COMENIUS-Preis für gesellschaftspolitische und schulkritische Engagements.

Biographie

Ich entstamme einer mecklenburgischen Arbeiterfamilie und wurde am 22. Januar 1925 in Jörnstorf geboren. Den größten Teil meiner Kindheit verbrachte ich in Schwerin, wo ich 1943 die Reifeprüfung ablegte. Der Faschismus als Erfahrung jener Jahre und die Dienstpflicht in der Hitler-Jugend haben meine späteren wissenschaftlichen Interessen und Forschungsansätze mitbestimmt. Von 1943 bis 1945 war ich Soldat und geriet bei der Kapitulation der deutschen Truppen in der Tschechoslowakei in amerikanische Gefangenschaft. Die uns dort in Aussicht gestellte baldige Entlassung erfolgte nicht. Vielmehr schoben uns die Amerikaner nach kurzem Gewahrsam an die Rote Armee ab, die uns nach einigen Monaten als Gefangenenkontingent der Volksrepublik Polen überließ. Dort wurde ich bis 1949 zur Beseitigung der Kriegsschäden mit herangezogen.

Nach der Heimkehr studierte ich an den Universitäten Rostock und Hamburg Pädagogik, Sozialpsychologie, Geschichte und Theologie und war von 1953 bis 1959 Lehrer, von 1959 bis 1961 Dozent am Pädagogischen Institut der Universität Hamburg. 1961 übernahm ich eine Professur für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Oldenburg und folgte 1967 einem Ruf auf ein erstmalig eingerichtetes Ordinariat für Allgemeine Pädagogik in der Fakultät für Kultur- und Staatswissenschaften der Technischen Hochschule Darmstadt, wo ich bis zu meiner Emeritierung tätig war. Ich habe das Institut für Pädagogik an dieser Universität aufgebaut.

Meine wissenschaftliche Arbeit hat sich zuerst auf Fragen der Faschismusanalyse aus pädagogischer Sicht und auf Probleme der Vorurteilsforschung im Zusammenhang mit Judentum und Antisemitismus konzentriert. Da meine Generation in der faschistischen Schule, im ideologischen und vormilitärischen Betrieb der Hitler-Jugend das Rassendogma und den völkischen Sendungsauftrag widerspruchslos hinzunehmen genötigt war, wollte ich erkennen, wie sich die historischen Verhältnisse in Wahrheit darstellten.

Danach beschäftigte ich mich mit den anthropologisch relevanten Daten der Verhaltensforschung, gefördert durch persönliche Kontakte zu Konrad Lorenz und seiner Schule. Damals versprach ich mir von den Resultaten dieser Wissenschaft Einsichten und Anknüpfungspunkte auch für die Pädagogik. Solche Erwartungen erfüllten sich später nur bedingt, jedenfalls ergaben sich keine spezifischen Ansätze für die Erfordernisse kritischer Pädagogik. Vielmehr diente mir die materialistische Geschichtsbetrachtung, soziale Verhältnisse im Zusammenhang mit Herrschaft verstehen zu lernen. Dabei weiß ich mich dem bildungstheoretischen Lebenswerk Heinz-Joachim Heydorns verpflichtet.

So griff ich im Zuge der Studentenbewegung der sechziger Jahre pädagogische Fragen nunmehr unter gesellschaftspolitisch-emanzipatorischen Ansprüchen auf. Allerdings verlagerte sich mir der Emanzipationsbegriff später von einer vorwiegend subjektiv verfassten Erwartung oder dem bloßen Abtrag individueller Barrieren auf einen historischen Prozess; individuelle Freisetzung ohne korrespondierende gesellschaftliche Autonomie ist als pädagogische Zielvorstellung unbrauchbar.

Deshalb hat mich besonders berührt, dass mir die COMENIUS-Stiftung zusammen mit meinem Kollegen Wolfgang Klafki 2010 ihren Preis verliehen hat – und zwar „in Anerkennung der herausragenden wissenschaftlichen Arbeiten sowie in Würdigung des pädagogischen Engagements und der politischen Tapferkeit“.